Schafschurfest im Agriturismo Canu

29. Mai 2010, 7 Uhr morgens – Sardinien – Gallura. Im Agriturismo Canu – 5 km außerhalb des kleinen Bergdörfchens Luogosanto auf fast 400 Höhenmetern gelegen.

Zweihundert Hektar Land gehören zu dem Agriturismo. Grüne Weiden, sanfte Hügel mit Macchia und wilden Olivenbäumen, ein Duft von Frühlingskräutern, Minze und Wacholder allüberall. Der Lago Liscia schimmert unten im Tal in der Morgensonne. In der Ferne sind die Bergspitzen des Monte Limbara mit ihren Antennen, von der Morgensonne sanft beschienen, sichtbar.

Schafschur in der Gallura

Es riecht nach Land, genauer nach Schaf – vierhundert blökende Damen und einige Herren wurden in den frühen Morgenstunden schon zusammengetrieben und warten darauf, dass ihnen die Wollpracht für die zu erwartende Sommerhitze von den Leibern geschoren wird. Es ist leicht bewölkt, aber warm, kein Wind und kein Regen. Das ist gut, ansonsten hätte die ganze Prozedur wieder verschoben werden müssen, wie schon zwei mal in diesem für Sardinien kalten Mai.

Zum Einsatz bereit: Die Schafscherer – zwanzig kräftig gebaute schwarzäugige sardische Herren aus allen Landesteilen angereist. Die „Modernen“ ausgestattet mit Schermaschinen, andere arbeiten noch von Hand – mit altertümlichen frisch geschliffenen großen Scheren. Dazu rund fünfzehn Helfer – die die Tiere aus der Herde herausholen und zur Schur vorbereiten und die abgeschorene Wolle zusammensammeln.

Es geht los

Zuerst sind die Kleinen Vierbeiner, rund hundert Lämmer und Lämmchen, dran. Sie blöken verzweifelt. Muskulöse Arme greifen sie und holen sie aus der Herde - die Beine werden im Handumdrehen verschnürt und das bewegungsunfähige Schafpaket wartet nun, bis es an der Reihe ist. Nach etwas mehr als zwei Stunden sind die „Kleinen“ fertig und der Rest der Herde, die erwachsenen Tiere sind an der Reihe.

Antonello, der Chef des Hauses Canu sagt mir, dass die Schafschur in der Gallura eigentlich keine Tradition hat und auch die Betriebe, die so viele Schafe halten hier im Nordteil relativ selten sind, rund drei schätzt er die so viele Tiere haben wie sein Betrieb.
In der Gallura wurden seit jeher Felder bestellt, Rinder und vereinzelt Ziegen gehalten. Seine Familie kam vor 25 Jahren aus dem Inselherzen, der Barbagia aus Fonni mit all ihren Schafen in die Gallura.
Die meisten Helfer die heute zur Schafschur angereist sind sind Freunde und gute Bekannte, die aus allen Landesteilen gekommen sind um heute zu helfen. „Alleine kann das von uns keiner mehr schaffen“., sagt Antonello, „bezahlen könnten wir die Arbeiter nicht“. So ist Nachbarschaftshilfe angesagt, heute hier, morgen in Olbia und am nächsten Wochenende reisen wir alle woanders hin um während der Schafschur-Saison auszuhelfen. Das ist ganz typisch auf Sardinien und besonders in der Barbagia erzählt er stolz auch wenn wir dafür 300 km anreisen müssen.
Er freut sich auch, dass heute auch so viele Touristen gekommen sind um sich die Schafschur live anzusehen. Wer mag, kann gerne helfen aber kaum einer traut sich. Einer der Zuschauer sagt mir, „schau Dir nur die muskulösen Unterarme von den Schafscherern an, da kann ich als Stadtmensch sicher nicht mithalten, geschweige denn 45 Kilo Schaf anheben, festhalten und verschnüren.“

Schafschur ist Schwerstarbeit

Ja, das sieht wirklich nach harter Arbeit aus. Es ist mittlerweile kurz nach Elf, Schafscherern und Helfern steht der Schweiß auf der Stirn, Wasser, Bier und Wein machen die Runde. Für die Versorgung sind die Kinder der Familie zuständig.
Den Scherern tropft in ihrer gebückten Haltung der Schweiß von der Nase – wie von einem tropfenden Wasserhahn.
Das Schaf wird hingelegt, die Schermaschine am Oberarm des Tieres angesetzt und bis zum Hinterlauf in einem Schnitt durchgeschoren. So geht das bis zum oberen Rücken. Dann wird das Schaf umgedreht und die Prozedur geht von vorne los. Rund vier Minuten braucht der Scherer für ein Tier, zähle ich mit. Am Schluß werden Schwanz und Kopf freigelegt. Die Sommerfrisur ist fertig und das Schaf springt mit großen Sätzen, befreit und blökend der restlichen Herde entgegen.

Zwischendurch zeigt Antonello einigen Besucher-Kindern ein kleines Lamm oder wie von Hand gemolken wird. Er klemmt sich dazu das Schaf rücklings zwischen seine Beine, hält es fest und melkt mit einigen schnellen Griffen den ganzen Euter aus.
Ein Becher mit frisch gemolkener Milch macht bei den Besuchern die Runde. Alle sind begeistert und überrascht, dass die Milch so gut und gar nicht nach Schaf schmeckt.

Fast geschafft

Um 13.30 Uhr ist die Arbeit dann getan. Die Schafe können, von rund vier Kilo Wolle erleichtert, den heißen Sommermonaten erfrischt entgegensehen.
Scherer und Helfer duschen und waschen sich an den Wasserschläuchen am Stall den Schweiß und Schafduft von den Körpern, wechseln die Kleidung.
Die Frauen des Agriturismo mit Freunden und Freundinnen haben das gemeinsame Mittagessen schon vorbereitet. Es wird zum Essen gerufen und alle strömen herbei – rund hundert Leute im Saal, Stimmengewirr, spielende Kinder und der Duft von vielen Köstlichkeiten verbreitet sich.

Viele für die Schafschur typische Gerichte werden aufgetischt: Antipasti - hausgemachte Wurstspezialitäten, Schinken, Salsiccia, alle Käsesorten der Azienda, Oliven und Eingelegtes. Dann riesige Schüsseln mit Cozze und Bocconi – Muscheln und Meeresschnecken – in Weißwein gekocht. Die Primi folgen – Zuppa Gallurese und eine Brotlasagne, die Antonellos Mamma in Fonni vorbereitet hat.
Als ich schon halbwegs satt bin, kommt das Highlight: Pecora in Capotto – gekochtes Schaf mit Kartoffeln und Zwiebeln, von Antonellos Vater in alter barbaricinischer Art vorbereitet und gekocht. Nach anfänglicher Skepsis bin ich sehr überrascht, das Schaf so gut schmeckt. Ich zwinge mir noch eine weitere Portion hinein, obwohl ich nach den Secondi schon beschlossen hatte aufzuhören.
Die Nachspeisen folgen: Dolci, Obst und Seadas – selbstverständlich hausgemacht.
Nach rund vier Stunden Festmahl, sitzen oder hängen, alle Beteiligten geschafft auf den Stühlen.

Das Ende naht

Hausgemachte Likeure und Kaffee machen die Runde und ich hoffe nur, dass ich mit diesen kleinen Helfern das oppulente Mal irgendwann an diesem Tag auch verdauen werde. Und ich glaube es geht allen im Speisesaal so.
Um sechs Uhr endlich, nach vielen Gesprächen und interessanten Geschichten rund um Schafscherer und Sardinienfans, versuche ich mich gen Heimat davonzumachen.

Mehr als eine Stunde brauche ich, um mich von allen zu verabschieden, hier noch einen Mirto, da noch ein kleiner Schwatz. Als es geschafft ist, weis ich: Das war ein toller Tag, eine schöne neue Erfahrung und im nächsten Jahr bin ich wieder dabei.

Anreise

Von Arzachena kommend Richtung Luogosanto. Ca. 5 km vor Luogosanto ist der Agriturismo links ausgeschildert. Erst eine kleine Asphaltstraße, die dann Schotterstraße wird.
Der Agriturismo bietet auch 6 einfache Gästezimmer, alle mit eigenem Bad und Dusche. Mountainbikeurlaube und einfach Relaxen in ländlicher Atmoshäre.

Agriturismo Canu
Loc. Canu
I-07020 Luogosanto (OT) Sardinien / Italien